Steinmetzin aus Vorst leidet an chronischer Krankheit
von Neuß-Grevenbroicher Zeitung
„Manchmal kann ich besser Rasen mähen als auf meine Kinder aufpassen“
Von Antonella Malomo
Vorst · Mit 23 machte sich Hanna Brinkmann als Steinmetzin selbstständig. Dann kam Corona – und eine Diagnose, die alles veränderte. Heute gibt ihr die Kunst, was der Schlaf nicht mehr kann.
Es ist ein leiser Ort für ein intensives Gespräch: Der Tuppenhof in Vorst, wo zwischen Fachwerk, Museum und Natur derzeit auch kleine Kunstwerke von Hanna Brinkmann zu finden sind. Postkarten, Magnete und filigrane Vogelmotive liegen im Regal. Dass diese Werke überhaupt entstanden sind, ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Künstlerin ist chronisch erkrankt. Die gelernte Steinmetzin leidet an ME/CFS, einer neuroimmunologischen Multisystemerkrankung, die mit extremer Erschöpfung einhergeht. „Das stärkste Symptom ist die Belastungsintoleranz“, erklärt sie. Was für andere selbstverständlich ist, wird für sie schnell zur Grenze. „Viele Erkrankte werden oft sofort in die Burnout-Schublade gesteckt“, erzählt sie: „Aber das hat mit dieser Krankheit nichts zu tun. Leider kennen viele Ärzte ME/CFS gar nicht und so dauert es häufig, bis man die richtige Diagnose erhält.“
Als unsere Redaktion sie im vergangenen Oktober erstmals für ein Interview anfragte, musste sie ablehnen. „Mir ging es damals sehr schlecht“, sagt sie rückblickend. Monate später meldete sie sich selbst zurück. „Eure Anfrage hat mich wieder angestoßen und etwas in mir geweckt. Ich habe wieder angefangen zu malen.“ Ein Satz, der viel über ihren Weg erzählt, denn die Kunst war nie ganz weg, aber lange Zeit in den Hintergrund gerückt. Brinkmann hat in Südtirol eine Ausbildung zur Steinmetzin und Steinbildhauerin gemacht. Mit 23 Jahren machte sie sich 2013 selbstständig. Sie gestaltete Grabsteine, arbeitete in der Grabpflege und gab Kurse. „Als Steinmetzin braucht man ständig neue Aufträge und Kunden“, weiß sie. Mit der Zeit verlagerte sich ihr Schwerpunkt. Sie arbeitete zunehmend im Gartenbau, auch auf dem Tuppenhof. „Das war flexibler, mit festen Kunden“, erklärt sie.
Dann kam Corona und schließlich die Erkrankung. Vor rund zweieinhalb Jahren wurde ME/CFS bei ihr diagnostiziert, kurz vor ihrer zweiten Schwangerschaft. Heute ist ihr Alltag stark von der Krankheit geprägt. „Schlaf bringt mir keine Energie“, verrät sie und selbst einfache Dinge kosten viel Kraft. „Manchmal kann ich besser Rasen mähen als auf meine Kinder aufpassen“, erzählt sie offen. Ihre Kinder sind heute eineinhalb und dreieinhalb Jahre alt. Ohne Unterstützung wäre vieles nicht möglich. „Meine Familie ist zum Glück super aufgestellt“, sagt sie: „Ich bekomme ganz viel Hilfe.“ In dieser Situation hat die Kunst für sie eine neue Bedeutung bekommen. „Das Malen gibt mir Lebensraum“, sagt Brinkmann, „da bin ich lebendig“. Ihre Arbeiten entstehen heute intuitiv, ohne festen Plan. „Ich male immer dann, wenn ich kann“, erklärt sie. Dabei geht es ihr nicht um Perfektion. Fehler dürfen bleiben.
Diese Haltung spiegelt sich in ihren Bildern wider. Es sind emotionale Arbeiten, oft inspiriert von der Natur, insbesondere von Vögeln. Unter dem Namen „Federwerk“ hat sie während ihrer ersten Schwangerschaft begonnen, Aquarelle zu malen. Heute knüpft sie daran an – mit einer neuen Tiefe. „Ich stecke natürlich auch in dieser Krankheits-Bubble“, sagt sie: „Das fließt mit ein.“ Ihre Werke bewegen sich zwischen intuitiver Malerei, skizzenhaften Porträts und poetischen Bildwelten. „Es ist eine Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust“, beschreibt sie ihren Ansatz. Und genau darin liegt für sie die Kraft. „Es muss raus“, sagt sie. „Ich mache das nicht, um etwas zu verkaufen, sondern um meine Gefühle rauszulassen.“ Viel wichtiger sei ihr, Menschen zu erreichen. „Das Echte dahinter – das ist für mich der größte Wert.“ Gleichzeitig möchte sie anderen Mut machen. „Jeder kann kreativ sein“, sagt sie. „Man muss sich nur trauen.“ Druckfrei experimentieren, das sei der Schlüssel: „Malen, schreiben, musizieren, das gehört alles dazu.“
Wer sich selbst erlaube, Fehler zu machen, finde oft zu ganz neuen Ausdrucksformen. Einige ihrer eigenen Werke sind aktuell im Hofladen des Tuppenhofs zu sehen und zu kaufen. Dort finden Besucher kleine Formate, die sich bewusst vom klassischen Kunstmarkt abheben. Auch online teilt sie ihre Arbeiten – etwa über Instagram (hannas_federwerk) oder auf ihrer Internetseite www.rausarten.de. Für sie ist das eine Möglichkeit, sichtbar zu bleiben, „auch wenn ich nicht immer aktiv sein kann“. Ihr Leben hat sich durch die Krankheit grundlegend verändert. Doch sie hat einen guten Weg gefunden, damit umzugehen. Nicht über Leistung, sondern über Ausdruck. Nicht über Tempo, sondern über Wahrnehmung. „Kunst ist für mich ein Moment von Lebendigkeit“, sagt sie. (amal seeg)