Ausstellungseröffnung "Meine Freiheit - deine Freiheit" Freiheit und Eingrenzug in ländlichen Gesellschaften
von Redaktion
Freiheit und Eingrenzung: Ein Blick in die ländliche Vergangenheit
Am 17. Mai 2026 öffnete auf dem Tuppenhof in Kaarst die Ausstellung „Meine Freiheit – deine Freiheit: Freiheit und Eingrenzung in ländlichen Gesellschaften“ ihre Tore. Ein Thema, das auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkt, entpuppte sich als überraschend vielschichtig – und das nicht nur für die Besucher:innen, sondern auch für die Macher selbst. „Was sich in unserem Archiv zu diesem Thema gefunden hat, hat mich wirklich überrascht“, gestand Jürgen Rau, Geschäftsführer des Tuppenhofs, in seiner Begrüßung. Und tatsächlich: Die Schau wirft einen faszinierenden Blick auf das Leben auf dem Land vor 200 Jahren und zeigt, wie eng Freiheit und Zwang damals miteinander verwoben waren.
Dass der Tuppenhof der perfekte Ort für diese Ausstellung ist, betonte auch Bürgermeister Christian Horn-Heinemann in seiner Rede. Als einziger Veranstaltungsort in Kaarst biete der historische Hof den idealen Rahmen, um die Ambivalenz von Gemeinschaft und individueller Entfaltung in ländlichen Strukturen zu erkunden. „Unter dem Oberbegriff ‚Meine Freiheit – deine Freiheit‘ hätte man sich zunächst etwas anderes vorstellen können“, so Horn-Heinemann. Doch der Untertitel klärt auf: Hier geht es nicht um abstrakte Freiheitsbegriffe, sondern um das konkrete Leben auf dem Land –und mit ihnen ein Stück weit auch der Zusammenhalt. mit all seinen Regeln, Sicherheitsnetzen und Einschränkungen.
Kuratorin Dr. Britta Spies dankte in ihrer freien Rede den Gästen, die trotz des schlechten Wetters den Weg auf den Tuppenhof gefunden hatten. Die Ausstellung ist Teil der grenzüberschreitenden Reihe FREIHEIT_vrijheid des Museumsnetzwerks Rhein-Maas und stützt sich auf das reiche Archiv des Tuppenhofs, dessen Originaldokumente heute im Stadtarchiv lagern. Hier fanden sich unter anderem alte Verträge – etwa zur Regelung des Altenteils, das ältere Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahrte. Doch was heute wie ein idyllisches Bild gegenseitiger Fürsorge wirkt, war damals oft eine Frage vertraglicher Absprachen.
Die Schau ist in thematische Bögen unterteilt, die jeweils einen Aspekt des ländlichen Lebens beleuchten. Da ist etwa der gedeckte Tisch, der von den gemeinsamen Festen erzählt – z.B. Hochzeiten, Taufen, Schützenfeste oder Beerdigungen. Das Leben spielte sich in der Gemeinschaft ab, sei es in der Familie oder im Dorf. Man kannte sich, half sich und feierte zusammen. Doch diese Nähe hatte auch ihre Schattenseiten: Wer sich nicht an die ungeschriebenen Regeln hielt, musste mit öffentlicher Ächtung rechnen. „Katzenmusik“ vor dem Haus der Betroffenen – symbolisiert durch die in der Ausstellung aufgestellten Töpfe und Schüsseln – war eine gängige Methode, um Abweichler in die Schranken zu weisen.
Ein weiterer Bogen widmet sich dem Aufbruch – der Industrialisierung, die das Leben auf dem Land grundlegend veränderte. Plötzlich hatten Tiere nicht mehr nur einen Nutzen, und die hierarchischen Strukturen innerhalb der Familien begannen zu bröckeln. Der Bauer, der einst uneingeschränktes Sagen hatte und das Recht auf körperliche Züchtigung besaß, verlor langsam an Macht. Doch mit der wachsenden Freiheit kamen auch neue Herausforderungen: Die „Stützen“ der Gemeinschaft, die einst Sicherheit boten, schwanden.
Besonders berührend ist der Bogen zum großen Tisch, der die hierarchischen Verhältnisse in den Familien thematisiert. Hier wird deutlich, dass das Leben auf dem Land keineswegs immer harmonisch war. Frauen starben oft jung, und der Bauer musste schnell wieder heiraten, um den Hof am Laufen zu halten. Unverheiratete blieben auf dem Hof, und wer keinen Beruf hatte, konnte nicht heiraten. Die Ausstellung zeigt: Freiheit war damals oft eine Frage des Status – und des Geschlechts.
Doch die Schau lebt nicht nur von historischen Fakten, sondern auch von den Gesprächen, die sie anregt. „Es gibt viele gute Ansätze für Diskussionen“, so Spies, und tatsächlich kommen Besucher schnell ins Gespräch – über die Vergangenheit, aber auch über die Gegenwart. Denn die Fragen, die die Ausstellung aufwirft, sind heute genauso relevant wie damals: Wie viel Freiheit braucht der Einzelne? Und wie viel Gemeinschaft verträgt die individuelle Entfaltung?
Die Ausstellung „Meine Freiheit – deine Freiheit“ ist noch bis zum 16.08.2026 zu den regulären Öffnungszeiten des Tuppenhofs zu sehen: samstags von 14:00 bis 18:00 Uhr und sonntags von 11:00 bis 18:00 Uhr – Eintritt frei.
Wer sich für die Audioguides interessiert, sollte unbedingt die Stimme von Pianist Uwe Rössler ausprobieren – er spielte nicht nur auf der Eröffnung, sondern spricht auch die Figur des „Bauern Heinrich“.
Ein Besuch lohnt sich – nicht nur für Geschichtsinteressierte, sondern für alle, die sich fragen, wie viel Freiheit wir heute eigentlich haben – und was wir dafür aufgeben.
Fotos: Gertrud Kloecker
Text: Gertrud Kloecker und Frank Ahlert